Kundgebung „Bildungsalarm – rote Karte für die Bildungspolitik“

Kein Zurück zur Mangel-Verwaltung! Jetzt für Bedingungen im Bildungswesen sorgen, die die Probleme dauerhaft beheben!

Am 6. Juni 2020 hatten sich trotz Corona-Bedingungen rund 50 Beschäftigte aus allen Bildungsbereichen am Hans-Böckler-Platz eingefunden, um der Bildungspolitik die rote Karte zu zeigen. Denn genau wie in allen anderen Bereichen der Gesellschaft zeigen sich auch in den verschiedensten Bildungseinrichtungen all die Missstände, die wir bereits seit Jahren anmahnen, in der Coronakrise wie durch ein Brennglas verschärft:

Unhaltbare Betreuungsschlüssel in Kitas, was sich unter den Maßnahmen des Infektionsschutzes und mit dem Ausfall der Risikogruppen umso mehr verschärft – marode Gebäude, unhygienische Zustände gerade auch in den Sanitäranlagen in Schulen, Lehrkräftemangel, der durch den Ausfall der Risikogruppen zudem verschärft wird, zu volle Klassen in zu kleinen Räumen, wenig bis kaum vorhandene digitale Ausstattung und Kompetenz – kaum Tarifverträge und somit fehlende vertragliche und finanzielle Sicherheit im Offenen Ganztag, dessen Mitarbeiter*innen bei den Schulöffnungen lange überhaupt nicht mitgedacht wurden und im Dunkeln tappen mussten – Schulsozialarbeiter*innen, die in Kurzarbeit geschickt wurden – sich immer weiter verschärfende Bildungsungerechtigkeit – Befristungsunwesen an Hochschulen, wo teilweise Lehrbeauftragten nun kurzfristig gekündigt und Hochschuldemokratie derzeit gerne übergangen wird – Verdienstausfall und damit existenzielle Bedrohung der Honorarkräfte in der Weiterbildung statt Festanstellungen – das alles sind nur einige Beispiele dessen, was uns die Krise derzeit doppelt und dreifach vor die Füße wirft.

Auch wenn eine größere Demo wie ursprünglich angedacht zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich und sinnvoll durchführbar war, so war es uns ein Anliegen, dennoch im Rahmen der coronabedingt eingeschränkten Möglichkeiten Alarm zu schlagen und auf dringend nötige Veränderungen zu pochen!
Unsere großer Bildungsalarm wird selbstverständlich nachgeholt, wenn die Bedingungen dafür wieder gegeben sind.

Einige ausgewählte Stimmen von Kolleg*innen:

Ein Gesamtschullehrer bemängelt: „Am Sonntag, bevor meine Klasse montags wieder zur Schule kommen soll, werde ich angewiesen, meinen Schüler*innen letzte Infos für ihren ersten Tag zukommen zu lassen. Gibt es gar keine Grenzen mehr für meine Arbeitszeit? Und wer denkt eigentlich überhaupt noch an Eltern und die Schülerschaft?“   Stimme einer Realschullehrerin: „Wie wunderbar ist das Arbeiten mit so kleinen Lerngruppen! Schade, dass das nur wegen Corona so ist. Warum können die Lern- und Lehrbedingungen nicht immer gut und angemessen sein?“
  Eine Grundschullehrerin: „Am 4. Juni betont Frau Merkel wie wichtig es sei, nach wie vor das Abstandsgebot einzuhalten – am 5. Juni teilt Frau Gebauer den Grundschulen mit, dass sie ab Mitte Juni ohne jede Abstandsregel im Normalbetrieb mit vollen Klassen weiterlaufen sollen. Wir sollen hier als Testballon für die Symbolpolitik der Landesregierung herhalten!“  
Hinweis einer Mutter: „Wie kann es sein, dass sich niemand mehr darum zu scheren scheint, dass plötzlich Schülernamen, Noten und sonstige sensible Daten munter hin und her geschickt werden?“   Eine Kita-Kollegin stellt fest: „Wir leiden so sehr unter dem Personalmangel, dass unser Arbeitgeber jetzt – trotz Corona – schon die Kolleg*innen, die zur Risikogruppe zählen, zur Arbeit mit Klein- und Kleinstkindern heranzieht.“
  Ein Hochschulbeschäftigter: „Gerade während Corona läuft alles nur top-down. Das Ergebnis ist Verwirrung, unnötiger Stress, Arbeitsüberlastung bei den Kolleg*innen und Nicht-Einhaltung von wesentlichen (Hygiene-)Regeln. Was wir brauchen ist MITBESTIMMUNG an der Basis – mindestens einmal die Personalrät*innen, aber auch darüber hinaus!! Bezieht uns Kolleg*innen in die Entscheidungen und Abläufe mit ein!“  
Eine Hochschul-Kollegin: „90 % aller Stellen in Wissenschaft und Lehre bundesweit sind befristet – meine läuft in 2 Wochen aus und ich weiß immer noch nicht ob ich dann arbeitslos bin oder ob ein gestellter Drittmittelantrag doch noch durchgeht und meine Stelle verlängert werden kann.“   Ein Mitarbeiter im Offenen Ganztag: „Wer ist neben vielen Anderen auch systemrelevant, wird dennoch in keinem einzigen Erlass mitgedacht und hat noch nicht mal einen Tarifvertrag? Richtig, wir Mitarbeiter*innen im Offenen Ganztag …“
  Eine Honorarkraft in der Erwachsenenbildung: „Seit Mitte März habe ich keinen Cent Geld mehr bekommen, weil wir in den Integrations- und berufsbezogenen Deutschkursen völlig in der Luft hängen! Ist das die Wertschätzung, die man uns entgegenbringt, die wir so wertvolle Bildungs- und Integrationsarbeit leisten? Ich bin stinksauer! Wovon soll ich denn leben?!“