Weniger Geld für politische Bildungsarbeit

Antisemitismus- und Antirassismusprojekte in Kölner Schulen auf der Kippe

Die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit macht seit vielen Jahren politische Bildungsarbeit gegen Antisemitismus und Rassismus. Durch Kürzungen fehlt dem Verein nun Geld. Das Bundesprogramm „Demokratie Leben“ wurde umstrukturiert und fördert nun deutlich weniger Modellprojekte. Im Interview erklärt Sebastian Werner, Projektleiter des bisher unterstützten Projekts des Kölner Vereins, was das für den Verein bedeutet.
Weniger Geld für politische Bildungsarbeit

Foto: Rawpixel/Fotolia

Die Kölnische Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit bekommt seit 2015 Fördergelder des Bundesprogramms „Demokratie Leben“. Welche Aktivitäten werden damit konkret unterstützt?

Das Bundesprogramm hat unser Projekt „Jederzeit wieder! Gemeinsam gegen Antisemitismus“ finanziert. In dem Projekt haben wir Methoden und Materialien für die politische Bildung gegen Antisemitismus entwickelt. Unser Fokus lag dabei auf aktuellen Formen des Antisemitismus. Ein Ergebnis ist das Handbuch „Bildungsarbeit gegen Antisemitismus. Grundlagen, Methoden & Übungen“, das vor Kurzem im Wochenschau Verlag erschienen ist. Grundlage für das Buch sind Workshops und Seminare, die wir in den vergangenen Jahren mit Schüler*innen und Multiplikator*innen durchgeführt haben. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Ausstellung „Du Jude! – Alltäglicher Antisemitismus in Deutschland“, die nun an verschiedenen Orten in Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus gezeigt wird. Oft haben wir die Ausstellung mit Workshops begleitet und viele Menschen erreicht, die sich erstmals mit Antisemitismus auseinandergesetzt haben.

Die bundesweite Förderung wurde in diesem Jahr von 400 Modellprojekten auf 100 Modellprojekte zurückgefahren. Inwiefern ist die Kölnische Gesellschaft davon betroffen?

Wir sind ganz direkt davon betroffen. Das aktuelle Projekt „Jederzeit wieder!“ wird von „Demokratie leben!“ nur noch bis Ende des Jahres gefördert. Daher haben wir einen Antrag für ein neues Modellprojekt gestellt. Der Antrag wurde leider abgelehnt. Das finden wir besonders schade, da wir gemeinsam mit einer Kölner Schule über fünf Jahre ein Präventionsprogramm gegen Antisemitismus ausarbeiten wollten. Neben der Auseinandersetzung mit dem Thema Antisemitismus in Fortbildungen und Projekttagen waren auch verschiedene Maßnahmen geplant, um Mitbestimmung und demokratisches Bewusstsein der Schüler*innen zu stärken. Alle Gremien der Schule waren bereit sich einzubringen, um die Schule zu einem demokratischen, diskriminierungsfreieren Ort zu machen. All das wird es nun nicht geben.

Und wie geht es jetzt weiter?

Wir sind dringend auf der Suche nach anderen Möglichkeiten unsere Arbeit fortzuführen. Dafür führen wir Gespräche mit möglichen Mittelgeber*innen und bereiten eine Spendenaktion vor. Wir hoffen so unsere Arbeit im kommenden Jahr fortsetzen zu können und unsere Mitarbeiter*innen weiter zu beschäftigen. Viele weitere Träger bundesweit, die seit Jahren wichtige und sehr gute Arbeit leisten, stehen aktuell vor den gleichen Problemen. Es droht ein erheblicher Kompetenzverlust.

Welchen Bedarf an politischer Bildungsarbeit gegen Antisemitismus und Rassismus sehen Sie an den Schulen?

Antisemitismus und Rassismus sind an Schulen alltäglich. Das zeigen unsere eigenen Erfahrungen, zahlreiche Studien und die Berichte aus Schulen, an denen wir Workshops und Seminare geben. Vor allem beim Thema Antisemitismus stehen wir vor dem Problem, dass dieser häufig nicht erkannt oder bagatellisiert wird. Auch fehlt es an Strategien zum Umgang damit an den Schulen.

Was heißt das konkret für Schüler*innen und Lehrkräfte?

Für viele jüdische Schüler*innen heißt das, dass sie entweder ihr Jüdischsein verbergen müssen oder sich zum Ziel antisemitischer Angriffe zu machen. Das ist ein nicht zu tolerierender Zustand. Antisemitismus ist aber nicht nur ein Problem unter Schüler*innen, auch unter dem Lehrpersonal gibt es großen Bedarf an Fortbildungen, um Antisemitismus und eigene Verstrickungen zu erkennen.

Wie sollte die politische Bildungsarbeit politisch unterstützt werden? Welche Art von Förderung wünschen Sie sich?

Der Idealfall wäre eine strukturelle Förderung von Trägern, die schon lange in der Bildungsarbeit gegen Antisemitismus aktiv sind. Deren Erfahrungen sollten langfristig gesichert werden. Ob diese Mittel vom Bund, den Ländern oder den Kommunen bereitgestellt werden, ist eine politische und juristische Frage, die andere beantworten müssen. Natürlich kann auch Projektförderung ein geeignetes Mittel sein, wie es die SPD mit dem Demokratiefördergesetz vorschlägt. In der neuen Förderperiode des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ wurde die Dauer der Förderung auf fünf Jahre angehoben. Das bietet zumindest ein bisschen mehr Planbarkeit. Leider ist das Programm, wie wir gerade sehen, finanziell völlig unzureichend ausgestattet. In der politischen Bildung aktive Organisationen sollten strukturell so ausgestattet werden, dass sie frei von der ständigen Sorge vor Arbeitsplatzverlust tatsächlich pädagogisch tätig sein können. Die Realität ist häufig, dass Anträge, Verwendungsnachweise und Verwaltungsaufwand einen großen Teil der Kapazitäten binden. Diese könnten sinnvoller in der Arbeit vor Ort eingesetzt werden. Nachhaltige Erfolge im Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus sind nur möglich,  wenn die Vereine und Initiativen, die sich engagieren, finanziell ausreichend ausgestattet sind.

Die Fragen stellt Fabian Kaske, Online-Redakteur