100 Jahre Grundschule: Herausforderung Heterogenität

Vom Rohrstock zur Individualisierung

In 100 Jahren Grundschule wurden der Rohrstock und die Geschlechtertrennung abgeschafft. Aber es gibt neue Herausforderungen – von Digitalisierung bis Bildungsgerechtigkeit. Die GEW NRW packt sie an.
100 Jahre Grundschule: Herausforderung Heterogenität

Foto: Dominik Buschardt

Unter dem Motto „Leben, Lernen, Entfalten, Gestalten“ widmet sich der Grundschultag der GEW NRW am Dienstag, 12. November 2019, der Geschichte und Zukunft dieser Schulform. Die GEW NRW hat im Vorhinein Expert*innen gefragt, was Meilensteine in der 100-jährigen Geschichte der Grundschulen sind und worin die aktuellen Herausforderungen bestehen.

Jede*r Schüler*in musste still und aufrecht sitzen. Wer sich nicht benehmen konnte, musste in der Ecke stehen. Der Rohrstock war häufig im Einsatz, Hände und Gesicht wurden auf Sauberkeit hin begutachtet: So ging es in der Grundschule vor 100 Jahren zu. Es war die Weimarer Nationalversammlung, die 1919 erstmals eine allgemeine Schulpflicht in Deutschland verankerte. Ein Jahr später wurde der vierjährige Schulbesuch zur Pflicht und zwar für Kinder aller sozialen Schichten.

Meilensteine waren in den 1960er-Jahren die Koedukation und die Aufhebung der Bekenntnisschulen, ab den 1970er-Jahren dann die Aufnahme der Gastarbeiter-Kinder, ab den 1980er-Jahren der gemeinsame Unterricht von Kindern mit besonderen Begabungen und Behinderungen und zuletzt die Integration geflüchteter Kinder. „An Grundschulen wird das Prinzip der einen Schule für alle Kinder gelebt,“ erklärt Susanne Huppke, Mitglied im Leitungsteam der Fachgruppe Grundschule der GEW NRW.

Individualisierung der Schüler*innen rückt in den Vordergrund

In den späten Nachkriegsjahren reifte ein verändertes pädagogisches Verständnis: Für die Entwicklung der Kinder ist kein Reifungsprozess nach einem genetischen Bauplan verantwortlich, sondern Kinder entwickeln sich individuell. Maresi Lassek, Vorsitzende des deutschen Grundschulverbandes: „Diese Erkenntnis hatte tiefgreifende Folgen für die Unterrichts- und Schulentwicklung, aber auch für die Haltung gegenüber Kindern.“ Im Idealfall arbeiten Kinder einer Klasse heutzutage an unterschiedlichen Aufgaben und müssen unterschiedliche nächste Schritte tun. Das sei eine Konsequenz daraus, so Maresi Lassek, dass eine wertschätzende Haltung gegenüber jedem Kind eingenommen und seine Individualität anerkannt wird: „Ausdruck findet dies auch in der Lerngestaltung, wenn Lernziele und Lernschritte transparent gemacht werden, die Selbstverantwortung gestärkt wird und Lernergebnisse besprochen und gemeinsam bewertet werden. Damit beschränken sich Partizipation und demokratisches Handeln nicht auf Schüler*innengremien und Streitschlichterkonzepte, das Lernen und die Unterrichtsgestaltung sind einbezogen.“

Neue Herausforderungen für die Grundschule

Im Laufe der Jahre ist die Grundschule immer mehr sozialer Raum für Begegnung und Auseinandersetzung geworden. Spätestens seit Einführung des Ganztags verbringen Kinder mehr Zeit in der Schule. Sie können zudem im familiären Umfeld bestimmte Erfahrungen nicht mehr machen, woraus für Bildungseinrichtungen eine größere Verantwortung erwächst. Auf der einen Seite können Kinder im Ganztag systematischer gefördert werden und Eltern, die mit der Erziehung aus verschiedensten Gründen überfordert sind, können so aufgefangen werden. Andererseits fehlen den Kindern beispielsweise gemeinsame Mahlzeiten und längere Gespräche im Familienalltag. Bei diesen Gelegenheiten erfahren Kinder oft Geborgenheit, Zuwendung und Zusammenhalt. Außerdem sind gemeinsame Mahlzeiten ein Lernort für Kultur und Wertvorstellungen der Familie.

In Zukunft wird es weiter um zum Teil bekannte Themen gehen: Gemeinsames Lernen, Individualisierung, Ganztag und Digitalisierung. „Die zentrale Herausforderung ist Bildungsgerechtigkeit“, erklärt Grundschulpädagoge und Bildungsforscher Hans Brügelmann. Für eine förderliche Entwicklung seien Kinder angewiesen auf ein allseitiges Bildungsangebot, ein kindgerechtes Leistungskonzept, eine anregungsreiche Lernumgebung, eine qualitätsvolle Personalausstattung, eine inklusive Schule und längeres gemeinsames Lernen.

Alle Experten sind sich einig, dass der Schlüssel für eine gute Zukunft der Grundschulen beim Personal und somit – wie so oft – beim Geld liegt. „Aktuell ist die Professionalität der Grundschularbeit vor allem durch den Mangel an Lehrkräften bedroht“, erklärt Hans Brügelmann. Bis 2025 werden nach Prognosen der Bertelsmann-Stiftung bundesweit 35.000 Lehrkräfte an Grundschulen fehlen. Wenn es nicht gelinge, die Seiteneinsteiger*innen angemessen zu qualifizieren, droht laut Hans Brügelmann ein Einbruch in der bisher so erfolgreichen Entwicklung der Grundschule – mit Nachwirkungen über die aktuelle Mangelsituation hinaus.

Forderungen für eine zukunftsfähige Grundschule

„Damit die Zukunft der Grundschulen in NRW gesichert wird, müssen jetzt gute Lern- und Arbeitsbedingungen an jedem Grundschulstandort in NRW geschaffen werden“, sagt Susanne Huppke und benennt zentrale Forderungen der GEW.

  • Lehrkräfteversorgung sichern: Die Zahl der Studienplätze muss erhöht, Seiteneinsteiger*innen besser qualifiziert und Möglichkeiten zum berufsbegleitenden Erwerb des Lehramtes Grundschule geschaffen werden. Schulen mit den höchsten Bedarfen sollen vorrangig versorgt werden.
  • Besoldung: Gleichlange Ausbildung und gleichwertige Anforderungen im Beruf erfordern eine einheitliche Bezahlung aller Lehrkräfte in NRW nach A13z bzw. EG 13.
  •  Multiprofessionalität: Grundschulen benötigen eine optimale personelle und sächliche Ausstattung. Die Präventionsarbeit in der Schuleingangsphase muss gewährleistet werden. Notwendig sind multiprofessionelle Teams aus Lehrkräften, Sozialpädagog*innen und Schulsozialarbeiter*innen.
  • Senkung der Arbeitsbelastung: Die GEW erwartet einen Stufenplan zur Senkung der Unterrichtsverpflichtung. Maßnahmen wie die Aussetzung der Qualitätsanalyse und ganztägige Elternsprechtage müssen sofort umgesetzt werden.„Wo mehr Förderung benötigt wird, muss diese auch ankommen“

Wie können diese Hürden genommen werden? Hans Brügelmann wünscht sich ein Umdenken in der Gesellschaft: „Für ihre Arbeit brauchen Schulen öffentliche Anerkennung. Das bedeutet auch, dass Politik und Verwaltung die Verantwortung der Lehrer*innen respektieren und sie durch Fortbildung und Beratung unterstützen muss.“ Vorrang sollten dabei die Schulen haben, die in sozialschwachen Gegenden verortet sind. Nur so kann man erreichen, dass alle Schüler*innen eine gute Bildung genießen. Auch Maresi Lassek macht sich dafür stark: „Schulen brauchen eine standortbezogene Ausstattung. Wo mehr Förderung benötigt wird, muss diese auch ankommen.“

Wenn das gelingt, könne eine pädagogische und personelle Absicherung des individuellen Lernens in einem gemeinsamen Unterricht umgesetzt werden, der nicht gleiche Ziele für alle zum selben Zeitpunkt vorschreibt, sondern für alle Kinder individuell passende nächste Schritte unterstützt.

Iris Müller, freie Journalistin