Recht auf Erlernen der Muttersprache

Recht auf Erlernen der Muttersprache

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Pressemitteilung vom 18.02.2022

"Die Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten gerichtet sein. Sie muss zu Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Nationen und allen Gruppen, unabhängig von Herkunft und Religion, beitragen und der Tätigkeit der Vereinten Nationen für die Wahrung des Friedens förderlich sein."

"Die Eltern haben ein vorrangiges Recht, die Art der Bildung zu wählen, die ihren Kindern zuteilwerden soll."

(Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 26, 2 und 3)

Jedes Jahr am 21. Februar begehen wir den Internationalen Tag der Muttersprachen in der ganzen Welt, so auch in Deutschland. Warum wir darauf Wert legen, hat einen Grund: Die Muttersprache ist bei der Persönlichkeitsbildung jedes Kindes ein wichtiger Grundstein, das Grundfundament, worauf das Kind seine eigene Persönlichkeit entfaltet und entwickelt. Über die Muttersprache kann das Kind andere Sprachen erlernen und somit sein Wissen und seine Kenntnisse erweitern.

Warum muss man das immer wiederholen, höre ich einige zu sagen! Wir leben ja nicht in der Heimat, sondern in einem (Gast)Land, wo die Muttersprache definitiv Deutsch ist, könnte dagegen gehalten werden. Aber wir meinen, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Glauben. Da das Erlernen der Muttersprache ein elementares Menschenrecht ist, erfordert das von den Zuständigen die Umsetzung dieses Rechts.“, so Hasan Taskale vom Ausschuss LEMK (Lehrkräfte & Erzieher*innen von Kindern mit Migrationshintergrund) der GEW Köln.

Seit über 40 Jahren gibt es in unserem Bundesland NRW das Angebot der Muttersprachen in den Schulen. Die Schulbehörden sind dazu angehalten, dort, wo der Bedarf an Muttersprache angemeldet ist, ein entsprechendes Angebot einzurichten. Im Schulministerium gibt es bereits Lehrpläne für Muttersprachen (insgesamt 19 landesweit), wonach die Lehrkräfte ihren Unterricht gestalten können. Obwohl der gesetzliche Rahmen bereits vorhanden und ein Erlass für den Umfang gesorgt hat, ist die Praxis landesweit unterschiedlich. Laut HSU(1)-Erlass können die Schüler*innen bis zu fünf Wochenstunden ihre Muttersprachen lernen, soweit der organisatorische Rahmen dies ermöglicht.

Es gibt allerdings viele Hürden auf dem Weg, den Erlass umzusetzen. Die meisten HSU-Angebote finden beispielsweise an Nachmittagen statt, wo der normale Schulbetrieb beendet ist. Die Teilnehmer*innen der HSU-Gruppen haben keine Möglichkeit sich auszuruhen oder mit Gleichaltrigen zu spielen und an anderen Angeboten teilzunehmen. Ein wichtiger Grund für Nichtteilnahme ist zudem, dass das Fach nicht versetzungsrelevant ist. Aber die Teilnehmer*innen haben den Anspruch, am Ende der Klasse 10 an den schulinternen Sprachprüfungen teilzunehmen. In bestimmten Fällen kann eine Note im HSU-Unterricht eine schlechtere Note in einer Fremdsprache ersetzen und einen besseren Durchschnitt ermöglichen. Hierfür ist es jedoch notwendig, dass das Kind eine regelmäßige Teilnahme am HSU-Angebot mit mindestens drei Unterrichtsstunden nachweisen kann, was – wie oben beschrieben – vielfach im Nachmittagsbereich stattfinden muss.

„Wir als Gewerkschafter*innen mit besonderem Augenmerk auf Schüler*innen mit
Migrationshintergrund haben einige Ideen dazu entwickelt, wie HSU-Angebote besser und attraktiver gemacht werden können.“, berichtet Taskale. Erste Ansätze hierzu wären:

  • die Ankopplung der HSU-Angebote an Deutsch und Fremdsprachen
  • die schrittweise Öffnung der Muttersprachen für die ganze Schüler*innenschaft
  • Einführung der Muttersprachen als Wahlfach bzw. anstelle einer zweiten Fremdsprache
  • die Anpassung/Erneuerung der Unterrichtsinhalte nach den Kriterien der internationalen Menschenrechtserklärung (Artikel 26, Punkt 2 und 3)
  • Angebote der vorhandenen Muttersprachen als Bestandteil der pädagogischen Ausbildung in Erziehungswissenschaften
  • bessere Vorbereitung der zukünftigen Lehrer*innenschaft auf die multikulturelle Landschaft der Schulen
  • die vorhandenen Ressourcen der HSU-Lehrkräfte sinnvoller einsetzen, indem diesen Lehrkräften das Unterrichten eines weiteren Faches ermöglicht wird
  • durch Fortbildungen bzw. Weiterbildung dieser Gruppe eventuell fehlende Fachkompetenz aufbauen
  • Gleichbehandlung aller Beschäftigten nach dem Motto: Gleiche Arbeit, gleiche Bezahlung

„Herkunftssprachlicher Unterricht ist keine nette Zugabe, sondern wesentlicher Bestandteil von Persönlichkeitsbildung und Identität migrantischer Schüler*innen. Dem sollte endlich Rechnung getragen werden, indem HSU-Angebote attraktiver gemacht werden“, so der Gewerkschafter abschließend.

(1) HSU = herkunftssprachlicher Unterricht


Ausschusses LEMK (Lehrkräfte & Erzieher:innen von Kindern mit Migrationshintergrund) der GEW Köln anlässlich des Internationalen Tags der Muttersprache