Erstes Fazit zum Schulstart in Zeiten von Corona

Vor etwas über einem Monat hat in NRW der sogenannte „Regelbetrieb“ in Schulen wieder begonnen: Trotz Corona-Pandemie und eines steigenden Infektionsgeschehens befinden sich Schüler*innen, Lehrkräfte und weitere schulische Beschäftigte seitdem in vollen Klassen, ohne Abstand und – mittlerweile – ohne Mund-Nasen-Schutz. Die GEW Köln hat ihre Mitglieder befragt, wie der Schulstart vonstattengegangen ist und zahlreiche Rückmeldungen erhalten, die teils sehr ausführlich eine beunruhigende Realität vor Ort offenbaren – entgegen aller Beteuerungen aus dem MSB, der Schulstart sei gut gelaufen.

„Die Regelungen erwecken den Anschein, dass wir normalen Regelunterricht haben. Das ist aber nicht so. Der Unterricht leidet massiv. Von Regelunterricht kann keine Rede sein. Das ist Augenwischerei.“

„An meiner Schule ist es katastrophal. Ganz wichtig ist mir die Situation der Schüler*innen.
Sie werden eigentlich nur bei uns geparkt, denn so kann man nicht gut lernen.“

„Ich finde es absolut notwendig, dass Schule stattfindet – aber der Gesundheitsschutz aller Beteiligten muss dabei ein wichtiges Gut sein!“

„Es sind mal wieder untragbare Missstände durch das Ministerium geschaffen worden. Frei nach dem Motto: die Schulen da unten werden‘s schon schaffen. Und Frau Gebauer besucht die Vorzeigeschulen, bei denen alles läuft: Seht her - GEHT DOCH!“

Langfristige politische Fehlplanungen und realitätsferne Erlasse – eine Bruchlandung mit Ansage

„Abstandsregeln gibt es auf dem Papier, sind aber in der Praxis im vollen Schulbetrieb nicht umsetzbar, auch weil das Personal fehlt, um die Regeleinhaltung einzufordern. Es fehlen auch die Kolleg*innen für zusätzliche Aufsichten. Auch für den regulierten Zugang zu den Toiletten fehlen die Aufsichten.“

 
 

„Die Vorstellung, in einem winzigen Klassenraum mit 30 Schüler*innen und zusätzlichen Schulbegleiter*innen
ohne Mund-Nasen-Schutz aller Beteiligten unterrichten zu müssen, macht mir sehr große Angst.“

„[Es wurde] wieder einmal unverschämt und fahrlässig kurzfristig die Ansage vom MSB kommuniziert.“  
 

„Ich bin als Sonderpädagogin an der Schule und im Bereich der Inklusion beschäftigt mich, dass ich in den Verlautbarungen keine konkreten Hinweise für diesen Bereich finde. In der schicken Broschüre zum Digitalen Lernen gibt es zwar einen kurzen Abschnitt zum Gemeinsamen Lernen, der aber nur auf "einfache technische" Lösungen verweist, ohne diese für mich als Hilfestellung konkret zu benennen.“

„Sowohl die Kolleg*innen als auch die Schulleitungen geben ihr Bestes um den Schulalltag zu organisieren. Alle wünschen sich mehr Unterstützung durch das Land und die Schulträger.“

 
 

„Wir als einzige Schulform haben schon mit voller Klassenstärke vor den Ferien unterrichtet und erhalten immer noch A 12. Das ist doch ein Witz.“

Während auch ohne Corona bereits viel zu große Lerngruppen in viel zu kleine Räume gepfercht werden und die Schulen aus allen Nähten platzen, rächt sich dies nun doppelt und dreifach: Viele Kolleg*innen melden zurück, dass Abstandsregeln und Kontaktminimierung nicht eingehalten werden können, weder in den engen Klassenräumen, noch auf den Fluren, im Pausenhof oder auf dem Weg zur Toilette. Gruppen durchmischen sich, in den Pausen, im Offenen Ganztag, in der Oberstufe, vor dem Schulgebäude und auf dem Weg dorthin; in Fachräumen sind die festen Sitzpläne wie im Klassenraum nicht umsetzbar. Zudem fehlt es massiv an Personal, um die Einhaltung der Hygieneregeln sicherstellen zu können. Fenster lassen sich vielerorts nicht oder nur einen Spalt weit öffnen, um eine angemessene Durchlüftung zur Reduktion eventueller Viruslast zu gewährleisten. Von digitaler Infrastruktur kann keine Rede sein: An vielen Schulen wurden bisher weder Lehrkräfte noch Schüler*innen auch nur ansatzweise ausreichend mit digitalen Endgeräten ausgestattet, ganz zu schweigen von der Frage der Wartung der Geräte, dem zur Verfügung stellen datenschutzrechtlich sicherer Software zur Kommunikation oder Fortbildungen für Lehrkräfte zum digitalen Unterrichten.

Ein großer Kritikpunkt sind die Erlasse des MSB, die die Schulen vor Ort viel zu kurzfristig erreichen. Auch Handreichungen wie die zum Distanzlernen kommen „einen Tag vor Schulöffnung und sollen am besten sofort umgesetzt werden“, schreibt eine Lehrerin, die wie viele ihrer Kolleg*innen eine verlässliche und rechtzeitige Kommunikation seitens des MSB vermisst. Wichtige Bereiche wie Inklusion, der Offene Ganztag oder die besonderen Bedarfe an Förderschulen werden nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt.

Zudem werden die Erlasse der Realität vor Ort oft nicht gerecht, so dass die Schulleitungen und Lehrkräfte jedes Mal erneut vor der Mammutaufgabe stehen, innerhalb kürzester Zeit und unter erheblicher Mehrarbeit einen halbwegs realitätstauglichen Schulbetrieb zu organisieren. Es wird mehr als deutlich, dass zwar seitens der politisch Verantwortlichen gerne von einem Regelbetrieb gesprochen wird, dass die derzeitige Situation in den Schulen damit aber herzlich wenig zu tun hat – dies zu behaupten sei „Augenwischerei“, so die Rückmeldung vieler Beschäftigter.

Eine Kollegin fasst es folgendermaßen zusammen: „Das Kernproblem ist, dass man an allen Vorgaben (…) festhält, als würden wir „ganz normalen“ Unterricht machen. Der Unterricht ist aber nicht normal und dafür müsste eine politische Lösung her und nicht viele individuelle von motivierten Lehrkräften, die irgendwie versuchen, den neuen Anforderungen gerecht zu werden. Unser Kollegium ist jetzt schon am Limit.“

Fürsorgepflicht des Arbeitgebers wird verletzt, Arbeitsüberlastung ist allgegenwärtig

„Pausen fallen komplett weg. Am Ende des Schultages ertappt man sich dabei, nicht auf dem Klo gewesen zu sein, sich selbst nicht EINMAL die Hände gewaschen zu haben und die Wasserflasche ist auch noch randvoll. Gesund ist das nicht.“  
 

„Wir dürfen nicht von der Vorgabe "Alles wie immer" abweichen. Mir fehlt das Verständnis und
ich frage mich, ob das Ministerium überhaupt den Begriff Fürsorgepflicht jemals gehört hat.“

„Ich fühle mich von meinem Dienstherren in Stich gelassen.“  
  „Ich habe mich noch nie so fahrlässig und arrogant-bürokratisch verheizt gefühlt wie in den letzten Wochen.“
„Ein Schlag ins Gesicht für uns, die mit Angst und Vorerkrankungen zurückgekehrt sind.“  
 

„Für ausfallende Kolleg*innen gibt es keine Vertretungskräfte und der Aufsichtsaufwand hat sich durch
versetzte Pausen verdoppelt. D.h. alle anwesenden Kolleg*innen leisten permanente Mehrarbeit.“

„Ich selbst habe ein Risikogruppenattest und fühle mich schlecht, da andere Kolleg*innen 'oben drauf' noch 'meinen' Präsenzunterricht mit übernehmen müssen.“

 

Am Limit sind nach kurzer Zeit bereits viele Kollegien: Der ohnehin seit Jahren vorhandene Lehrkräftemangel wird zusätzlich dadurch verschärft, dass Präsenzunterricht von Lehrkräften aus Risikogruppen aufgefangen werden muss, ohne dass es dafür explizite Vertretungslehrkräfte gibt. Auf den Risikogruppen wiederum lastet ein immenser Druck, trotz Anfälligkeit für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung wieder vor Ort zu arbeiten. Dass an Schulen – im Gegensatz zum sonstigen öffentlichen Raum – der bewährte Dreiklang des RKI aus Kontaktminimierung, Abstandsregeln und – wo dies nicht möglich ist –  Maskenpflicht nicht gilt, empfinden viele Kolleg*innen als „Schlag ins Gesicht“ und gesundheitsgefährdende Ignoranz seitens ihres Dienstherren.

Hinzu kommt die permanente Überlastung dadurch, dass im Schulalltag so gut wie keine Pausen und Erholungsphasen mehr möglich sind. Immer wieder neue Anpassung des Hygieneplans und Organisation des Schulbetriebs bedeuten einen immensen Mehraufwand. Um die Einhaltung der Hygieneregeln so gut es geht zu gewährleisten, müssen ständig Klassen von A nach B begleitet werden, Aufsichten vor Toiletten, im Flur und in erhöhter Zahl in den Pausen geleistet werden. Die Kolleg*innen sind „konstant im 'Aufsichtsmodus', [fühlen] sich wie ein Hütehund und [kommen] kaum noch zur Ruhe“. Auch wenn Teile einer Klasse in Quarantäne müssen, leistet die jeweilige Lehrkraft Mehrarbeit, um zusätzlich zum Präsenzunterricht diese Schüler*innen digital zu versorgen.

Alles in allem fragen sich die Kolleg*innen, inwiefern das MSB als Dienstherr seiner Fürsorgepflicht für Arbeits- und Gesundheitsschutz nachkommt. Sie fühlen sich weder ausreichend geschützt noch überhaupt ernst genommen. Ein Lehrer bringt es folgendermaßen auf den Punkt: „Ich habe mich noch nie so fahrlässig und arrogant-bürokratisch verheizt gefühlt wie in den letzten Wochen.“

Qualität der Bildung leidet massiv

„Unter den aktuellen Umständen ist der Wunsch, die Bildung für alle Kinder
in gleicher Qualität zu wahren, über die Maßen erschwert.“

 
 

„Der Lehrplan soll unverändert durchgesetzt werden, dabei stehen uns methodisch nicht die herkömmlichen Wege zur Verfügung.“

„Es ist für uns so schlimm zu sehen, dass die Kinder dermaßen "vor die Wand gefahren" werden. Das kann es doch nicht sein.“

 

Die Rückmeldungen zeigen eindeutig, dass es den Kolleg*innen enorm wichtig ist, den Schüler*innen trotz der teilweise katastrophalen Zustände vor Ort eine möglichst gute Bildung zuteil werden zu lassen. Unter den derzeitigen Bedingungen ist dies allerdings nur schwer möglich, die Qualität der Bildung leidet enorm: Während der Lehrplan unverändert durchgesetzt werden soll, stehen entsprechende methodische Wege wie Gruppenarbeiten oder andere dynamische Lernformate nicht zur Verfügung. Besondere Lernkonzepte im Bereich der Inklusion können nicht umgesetzt werden. Praktische Fächer werden nur noch theoretisch unterrichtet, was die Schüler*innen frustriert, da es nicht der Praxisnähe entspricht, die sie gewählt haben. Eintöniger Frontalunterricht ist vermehrt an der Tagesordnung, was weder dem Anspruch der Lehrer*innen an gute Bildung entspricht noch den Schüler*innen gerecht wird. Hinzu kommt die starke Überlastung des Kollegiums: Eine erschöpfte, überarbeitete Lehrkraft, die sich zudem tagein tagaus als „Ordnungspolizei“ durch die Schule bewegen muss, trägt ebenso wenig zu einer angenehmen Lernatmosphäre bei wie entsprechend gereizte und frustrierte Schüler*innen. Besonders schwierig gestaltet sich die Situation zum Teil an Förderschulen, wo sich die Kolleg*innen deutlich mehr Unterstützung wünschen, um Schüler*innen zu unterstützen, die mit dem Stoff nicht mehr zurecht kommen. Viele Kolleg*innen weisen darauf hin, dass die derzeitige Situation mit „Normalbetrieb“ nichts zu tun hat und dass die Schulen derzeit teilweise eher Verwahranstalten für Schüler*innen als Orte des guten gemeinsamen Lernens sind.

Dringender Handlungsbedarf

„Wenige Schüler*innen in kleinen Gruppen sind IMMER - Corona hin oder her - die bessere Wahl! Dafür müssen Ressourcen bereitgestellt werden!“  
  „Kleinere Lerngruppen wären das Optimale. Ebenso müssen Pausen für Lehrpersonal gewährleistet sein.“

„Wir bräuchten schlagartig eine flächendeckende Ausstattung mit tragfähiger technischer Infrastruktur, Kolleg*innen, die damit auch umgehen können und mindestens 20 - 30 % mehr Personal.“

 

Langfristige politische Fehlplanungen und damit verbundene strukturelle Probleme müssen schnellstmöglich angegangen werden, Corona-bedingten Schwierigkeiten muss realitätstauglich entgegnet werden: Schluss mit Sanierungs- und Investitionsstau an Schulen! Wir brauchen eine Einstellungsoffensive, es müssen zusätzliche Lehrkräfte eingestellt werden, die auch den Ausfall der Lehrer*innen aus Risikogruppen sowie vermehrte Aufsichten abfangen können, um die Kollegien zu entlasten.

Der Lehrberuf muss wieder attraktiver gestaltet werden, beispielsweise durch Beenden von Lohnungerechtigkeiten (A 13 Z/EG 13 für alle Lehrkräfte, Beenden der Schlechterstellung von angestellten Lehrkräften, sofortige Festanstellung befristeter Kolleg*innen) sowie dadurch, dass sowohl Land als auch Schulträger den Arbeits- und Gesundheitsschutz der Kolleg*innen ernst nehmen. Die demokratische Mitbestimmung muss gewährleistet sein und Hauptpersonalräte, Lehrerräte, Gewerkschaften und Verbände in jegliche Planungen mit einbezogen werden.

Kleinere Lerngruppen sind nicht nur zu Corona-Zeiten die eindeutig bessere Wahl, wie nicht zuletzt der Unterricht in Kleingruppen Ende letzten Schuljahres gezeigt hat. Auch wird dringend eine tragfähige digitale Ausstattung benötigt. Besonders in Zeiten der Corona-Pandemie und für den Fall, dass Distanzlernen stattfindet, muss sichergestellt sein, dass sowohl Lehrkräfte als auch Schüler*innen mit digitalen Endgeräten ausgestattet sind, die datensichere Kommunikation und Distanzlernen ermöglichen und für deren Wartung gesorgt sein muss.

Fortbildungen zum Distanzlernen sind für die Kolleg*innen unerlässlich und sollten seitens des Dienstherren unverzüglich angeboten werden. Eine Möglichkeit, die unmittelbar weiterhelfen würde, wäre, die Lernplattform LOGINEO umgehend zur Verfügung zu stellen und diese verpflichtend einzuführen.

Wir fordern vom MSB und der Landesregierung eine verlässliche und rechtzeitige Kommunikation aller künftigen Erlasse, dass die Schulen vor Ort genügend Zeit für eine gewissenhafte Umsetzung haben. Nicht zuletzt brauchen wir endlich eine bedarfsgerechte Finanzierung der Bildung: Der gerade veröffentlichte OECD Bericht belegt, dass 2017 für Bildung und Forschung nur 4,2 % des BIP ausgegeben wurde, während auf dem Bildungsgipfel 2008 besprochen wurde, dass ab 2015 bereits 10 % in diesen Bereich fließen sollten. Deutlicher kann man die Unterfinanzierung des Bildungsbereichs nicht offenlegen. Wer an Bildung spart, spart am falschen Ende.

Die Rückmeldungen aus unserer Abfrage zeigen deutlich: Den Kollegien und Schulleitungen ist es ein großes Anliegen, auch in diesen schwierigen Zeiten für gute Bildung zu sorgen. Dafür leisten sie alle vor Ort gerade Unglaubliches. Sie müssen allerdings auch angemessene Umstände vorfinden, was derzeit vielerorts kaum bis gar nicht gegeben ist. Wir appellieren hiermit dringend an die politischen Entscheidungsträger*innen, entsprechend tätig zu werden, so dass sich die Kolleg*innen vor Ort auf das konzentrieren können, was ihre Kernaufgabe ist: Allen Schüler*innen eine möglichst gute Bildung zuteilwerden zu lassen.